Achtsamkeit. Acht-sam-keit. Achtfache Lang-samkeit und Acht-ung vor jeder Tat, vor jedem Wort. In der Stille sich der eigenen Absichten bewusst werden.
Loslassen, wenn das klare kalte Wasser über die Hände nach unten rinnt, alle Sorgen, alle Ängste fortspült und der heilige Rauch zu den Göttern aufsteigt, als Opfer, als Signal. Wir sind da.
Aufwachen beim Klang der Glocke, lauschen, spüren, ihre kreisförmigen Schwingungen, die uns einhüllen, sanft, aber bestimmt.
Verbinden, mit den Kräften eines jeden Elements, die Energie fließen lassen, von Wind, Feuer, Wasser und Erde, durch den Kopf, das Herz und die Hände, sich ergießen, in den Kelch, wo sich alles vereinigt. Achtsam ihre Namen rufen, achtsam ihre Namen flüstern, achtsam sich in Stille hingeben.
Annehmen, den Segen der reinen und klaren Kraft aller, wie sie auf der Zunge perlt und sich mit schwerer Süße über den Gaumen legt. Erfüllt sein.
Der Sommer ist nun endgültig vorbei. Die Erde ist müde, Blätter färben sich, die Zugvögel sammeln sich und gelbe Stoppelfelder leuchten im herbstlichen Sonnenlicht. Es werden Vorbereitungen für den Winter getroffen. Dabei danken wir für alles Gute in diesem Jahr und lassen die Erde in Frieden sich in ihre kalte Ruhezeit zurückziehen. Es ist
auch die Zeit, in der Freya um ihren Geliebten Odir trauert, der sie verlassen hat.
Die Göttin ist untröstlich und weint Tag und Nacht um ihre verlorene Liebe.
Jede Träne, die sie vergoss, wurde zu einer schimmernden Perle, welche sich im
Sand zu Bernstein verwandelte.Und so geben wir unsere geheimsten liebsten Wünsche dem Odir in der Barke auf dem Totenfluss mit auf seinen Weg, auf das sie im nächsten Frühjahr gestärkt das neue Licht der Welt erblicken.
Das, was
man aber liebt, muss man frei geben, damit es seiner Bestimmung zukommen kann...
Aber nicht nur in einem nordisch-germanischen Mysterienspiel spiegelt sich die äußere Welt. Auch in den eleusinischen Mysterien begegneten wir den unbarmherzigen aber unabkömmlichen Kräften der Transformation. Ebenso fanden wir die Macht der inneren Verwandlung in sethianischen Ritualen und chaosmagischen Lebensnetzen. Zur Sicherheit gab es noch einen ganz praktischen Erste-Hilfe-Kurs bei Unfällen im Ritual - Brandwunden, Atemnot - alles schon erlebt. Im Salbenworkshop konnten wir passender Weise quasi auch gleich noch Erste-Hilfe-Zutaten herstellen und im Bienen-Workshop erhaschten wir einen Blick auf das Wunder, welches diese kleinen Wachsproduzenten eigentlich verkörpern. Wem das alles zu handfest war, der konnte in den Wald ausschwärmen und sich mit schamanischem Gebaren den Baumgeistern nähern.
Es welkt das Laub zu bunten Farben; es wird nun immer später hell
und zeitiger dunkel. Die Beeren von Rotdorn, Eberesche und Stechpalme
leuchten uns mit den letzten roten Äpfeln entgegen. Laufe ich durch
meinen Garten, dann sehe ich die letzten Blumen blühen, die der Frost
noch nicht verdorren lassen hat, ähnlich wie die späte Liebe zweier
Rentner.
Ich mache mir beim Gehen meine Gedanken. Samhain ist die Zeit der
Trennung und der Entscheidungen; ich überlege, was von meiner Fülle es
wert ist, über den Winter gebracht zu werden. Was wird von alldem, was
ich so mühevoll dieses Jahr gehegt und gepflegt habe und fleißig spross,
von dem, was ich getüftelt und gebastelt habe, den Winter überstehen?
Ich habe nicht für alles Platz, wo werde ich meine Kleinode
unterbringen?
Mein Vater sagte zu mir, ich baue vieles zu filigran, der Winter
wird mir zeigen, was davon bestand hat. Filigran, von Filia, kindlich,
denke ich. Was soll daran Schlechtes sein, ich möchte Feen und Elfen,
Zwerge und Drachen, Nymphen und Dryaden in meinem Garten wohnen lassen.
Bisher haben es zumindest grüne Glühwürmchen im Sommer, braun grüne
Frösche, rote und braune Kröten, eine grünliche Natter und viele Falter,
Schmetterlinge und Spinnen in meinen Garten geschafft. Ab und an legt
sich meine Katze auf die neuen Steinbodenplatten des Weges, den ich ja
eigens nur für sie gemacht habe. . .
Nachts sehe ich nun den Nebelschwaden zu, wie sie im Mondlicht
durchs Grundstück geistern; sie bringen Raureif, dessen Eiskristalle
allem Lebendigen dort die Farbe nimmt. Ich erinnere mich gerade an die
kurze Blüte der Herbstzeitlosen auf der Wiese, blasslila Kelche, auch
der Safrankrokus wird bald blühen. Wer hat eigentlich das Märchen
erfunden, die Herbstzeitlose sei die letzte Blume des Jahres? Oder ist
mein Garten Persephone geweiht und liegt gar nicht hier, sondern in der
Unterwelt?
Nein, auch der Ginko färbt sich gelb und verliert bald seine
Blätter. Draußen ist es nur noch ungemütlich und kalt, selbst die Sonne
wärmt nicht mehr so richtig. Ein Teil meiner Pflanzen ist mit mir in die
Wohnung umgezogen, weil sie und ich diesen Temperaturen draußen nicht
gewachsen sind. Wir harren jetzt aus und leisten einander Beistand. Ich
rede mit ihnen und die Zitronen erzählen mir vom kommenden Sommer und
dass sie dann wieder gelb und reif sind.
Ich wünschte, ich besäße einen großen beheizten Wintergarten, in dem
ich die kalten Tage verbringen könnte, wenn alles draußen vor Kälte
klirrt und die Schneeflocken sanft oder stürmisch vom Himmel tanzen. Wer
schaut da nicht gern vom Schaukelstuhl zu, mit einer Tasse leckerem
Kräutertee in der Hand oder vielleicht Erdbeerminze und etwas
Nelkenpfeffer oder Rosentee mit selbst geerntetem grünem Tee?
Wenn Persephone in die Unterwelt geht, ob sie dort ihren Garten
mitnimmt? Erblüht dieser dann? Vielleicht werde ich dies meine
Ahnen fragen, sollte ich zu Samhain mit ihnen sprechen. Ich fühle mich
auch welk und etwas schläfrig, Samhainzeit ist die Zeit zum Ruhen. Aber
es ist noch nicht vorbei, noch warten die Pflanzen darauf, im Garten vor
der Kälte geschützt und sanft mit Laub, Reisig oder Erde bedeckt zu
werden. Dann habe ich Zeit, mich weiter nach innen zu wenden und mich zu
fragen, was ich nach meinen erbrachten Abiturprüfungen studieren
möchte, zu ergründen, was ich wirklich will. Das habe ich mir fest
vorgenommen.
In jedem von uns wachsen im dunklen Halbjahr verstärkt Träume,
gemacht aus Sehnsüchten und Ängsten, gesponnen aus den Fantasien unseres
Herzens. Ihnen gilt es zu begegnen und dann auch abzuwägen, zu
entscheiden, abzurechnen, Rückschau zu halten und dankbar für alle
Erfahrungen zu sein, die uns leiten und uns zu dem machen, was wir sind.
Wir haben nur uns, wir können nicht jemand anders sein, weil unsere
Erfahrungen und unsere Anlagen uns zu dem machen, was wir sind.
Letztlich macht mir Samhain meine eigene Vergänglichkeit immer und
immer wieder bewusst. Ich spüre, dass all die zwischenmenschliche Kälte
da draußen und die Einsamkeit, die Verbitterung nur aus unerfüllten
Sehnsüchten besteht, aus Einbildungen, die unser egozentrisches Ich
aufbaut, um sich und seine Entscheidungen rechtfertigen. Vor vielen
Jahren habe ich gelernt, dass wir vor dem Tod alle gleich sind, wir alle
müssen welken, wir alle müssen vergehen, niemand ist es wert, verschont
zu bleiben, der Glückliche genauso wie der Unglückliche, der
Hartherzige genauso wie der Gesellige. Es gibt keinen Preis für Leiden,
für persönliches Unglück, für Verbitterung.
Deshalb ist es sinnvoll, gerade jetzt, ja ich meine JETZT, zu
reflektieren, die Dinge zu tun, die für uns wichtig sind, Wunden zu
öffnen und zu heilen, die uns hartherzig und eingebildet werden lassen,
so dass wir unser Gegenüber nicht mehr wahrnehmen können. Das ist
unangenehm, aber dahinter liegt Friede, Glück und Weisheit.
Nehmt eure Masken ab, denn nur dahinter seid ihr wirklich ihr
selbst! Und dort seid ihr einfach wundervoll, natürlich und liebenswert.
Was hat das alles mit meinem Garten zu tun? Ihr Lieben, dort bin ich
frei, dort bin ich Kind und dort darf ich sein. Das macht mich
glücklich!
Falk Samhain 2011

Wir haben uns versammelt, in einer Zeit, wo das Licht dem Dunkel weicht. Jetzt, wo die Herrin der Nacht den Thron besteigt. Die Herrin mit den vielen Gesichtern. Die, welche auch Hekate genannt. Wir wollen ihr folgen, der Königin der Zauberei. Hinab in die Unterwelt. Denn Hexen sind wir, und zwischen Leben und Tod herrscht die wahre Magie. Denn wisset: nur in Dunkelheit und Stille, keimt neues Licht.
Wir begaben uns zu den Hallen der Göttin, die uns in dieses Leben geführt hat, und die unsere Seele aus diesem Leben wieder herausbegleiten wird. Sie ist die Führerin unserer Seelen, die Herrin der Kreuzwege und schon immer eine der Schutzherrinnen der Hexen. Wir kannten den Preis und bezahlten den Fährmann ohne Zögern. Sie erschien uns in dreifacher Gestalt und mit dreierlei Formen, als Pferd, als Hund und als Schlange. Wir tanzten für sie und liefen mit ihr durch die Wälder, wo wir die Dunkelheit umarmten.
Viele kleine Tode folgten. Mit dem Sturm des Erbeth wurden alle Hemmnisse fortgefegt, im Reclaiming-Ritual die Fesseln des Patriarchats gesprengt, im Seidhr der Schleier der Zukunft zerrissen, im Runen-Yoga die Trägheit verbrannt und anschließend in der Schwitzhütte abgewaschen und weggesungen.